Ob ich mir denn vorstellen könnte, ihn zu heiraten. Ich wich aus. Wir hätten noch keinen gemeinsamen Alltag erlebt, wüssten nicht, wie unsere Beziehung unter normalen Umständen funktionieren würde. Er läge tagein und tagaus auf der Couch und unser gemeinsames Leben beschränke sich allein darauf. Das machte ihn traurig. Das hatte er noch gar nicht bemerkt. Aber dass es wahr war, wusste er auch. Auch wenn er noch nicht wusste, dass ich einfach viel zu viel Angst gehabt hätte, „ja“ zu sagen. Für mich war das eine Ausflucht. Später sagte er mir einmal, dass er denken würde, dass ich mich einfach selber schützen und deshalb vieles nicht zulassen würde. Ich sagte ihm, dass das schon sein könne. Meine eigenen Gefühle mit all ihren Widersprüchen konnte ich zu dieser Zeit trotz größter Anstrengungen nicht vollständig durchblicken. Viel zu weit war ich in dieses Dilemma, in dieses Drama verstickt. Er wusste vor mir von meiner Liebe zu ihm und ihrer Tiefe, obgleich ich sie oft spürte, ob Ihrer Echtheit aber nicht richtig einordnen konnte, wegen meines Wechselbades der Gefühle, denen ich ausgesetzt war.

Der Schmerz über meine Aussage und einen fehlenden, gemeinsamen Alltag, bei dem wir auch etwas anderes als sein Wohnzimmer sahen, trieb seine Gedanken an und so entwickelte sich sein Wunsch, nun doch einem Rollstuhl zuzustimmen, damit wir gemeinsam Unternehmungen machen konnten. Diesen Zusammenhang begriff ich erst später und freute mich in dem Moment einfach nur über seinen Sinneswandel. Wir redeten uns ein, wir könnten verschiedene Ausflüge unternehmen, zur Halde, in Parks und in die Moschee, wo er einmal offiziell konvertieren wollte. Er wollte mir vieles zeigen aus seiner Umgebung. Und so fingen wir an dem schönsten Herbsttag, den man sich nur vorstellen konnte, an dem Tag, an dem die jungen Leute abends rohe Eier in der Fußgängerzone in Oberhausen auf die Straße schmissen und sich in schaurigen Kostümen umhertrieben, mit seiner ehemaligen Joggingstrecke an. Dass sich weitere Ausflüge wohl schwierig gestalten würden, ahnten wir schon beim ersten Versuch, die Wohnung zu verlassen. Unterwegs zweifelte ich schon fast, ob wir es überhaupt aus dem Haus schaffen würden. Aber dann war er unten angekommen und saß plötzlich freudestrahlend auf seinem Rollstuhl. Draußen. In Freiheit. Sofort vergaßen wir beide das Davor und Danach und freuten uns einfach nur über den Moment, den wir vollkommen auszukosten gedachten und das auch taten. Sein Geruch stieg mir in die Nase und erfreute mich. „Riech ich?“ fragte er mich bestürzt, als ich ihm dies erzählte. Nein, nein, keine Sorge. Und dann ging es los. Nach rechts und geradeaus die Straße hinunter. Bis zur Hauptstraße.

Er war still und genoss wohl einfach den Moment, wobei ich nicht weiß, welche Gedanken ihm sonst so durch den Kopf gingen. Er wirkte glücklich und zufrieden, aber auch schon ein wenig dieser Welt entrückt. Ich spielte meine Rolle als fröhliche, fürsorgliche Begleiterin, die erst noch lernen musste, zusammen mit ihrem Patienten, wie man den kleinen und größeren Hürden im Straßenverkehr mit so einem Rollstuhl begegnet und sie überwindet. Vorwärts den Bordstein hinunter oder doch lieber rückwärts, weil Joe fast aus dem Stuhl kippte. Der Versuch, nicht von den Autofahrern überfahren zu werden. Sehen sie ihn überhaupt? Irgendwie ging alles gut, obwohl es ein eigenartiges Gefühl war, wie wir wohl auf unsere Umwelt wirkten, ich mit meinem Kopftuch, fast mitten auf der Straße, den vergreisten, kranken älteren Herrn im schwarzen Retro-Sakko vor mich herschiebend. Die schnellen Autos, die an uns vorbeirauschten in dieser lauten, schnellen Welt, die Joe vielleicht schon fast vergessen hatte, auf seiner ruhigen Couch, in der Stille seines Wohnzimmers, wo er monatelang, tagein und tagaus ausharrte, außer er quälte sich auf die Toilette oder mal zum Kühlschrank, solange dies noch ging.

Ich schob ihn in dieser leuchtenden Außenwelt, die sich von ihrer schönsten Seite zeigte, vor mir her, blieb stehen und machte ein gemeinsames Foto mit meinem veralteten Handy. Ob er wusste, dass ich Angst hatte, keine Erinnerung an uns beide zu haben? Ich wusste es zwar noch nicht, ahnte es aber vielleicht. Jedenfalls überkam mich fast eine Art Panik, dass ich ihn nicht festhalten, nicht mehr erleben könnte und so griff ich später noch einmal zum Handy, um unser letztes, gemeinsames Foto anzufertigen. Und das letzte, das von ihm existiert. Gott hatte dabei Erbarmen mit uns, weil diese Fotos in dieser schönen Umgebung mir heute noch eine Freude und eine sehr wertvolle Erinnerung sind. Gott wusste es.

Ich schob Joe vor mir her, durch all das rote und gelbe Laub. Wunderschön. Es türmte sich vor seinen Füßen auf und so entwickelten wir die erheiternde Strategie, gelegentlich seitwärts abzubiegen, um rückwärts-vorwärts wieder unseren Weg fortzusetzen und den Laubberg an der Seite abzuladen.

Die Sonne wärmte uns und wir rasteten an einer Bank. Eine schöne Strecke war das. Und weit. Gut 5 km, glaube ich. Als wir saßen – ich war froh, ein wenig Luft zu holen, die Schieberei hatte mich angestrengt und zum Schwitzen gebracht – meinte Joe, dass er sehr kurzatmig sei. Da dies keine ungewöhnliche Neuigkeit war und ich auch nicht viel dazu sagen konnte, sagte ich nichts, sondern fragte nur, ob er müde sei und Heim möchte. Er wollte noch nicht gleich, aber doch bald darauf. Das tat mir leid, weil er nicht einmal diesen Ausflug richtig genießen konnte.

Ich sog alles mit all meinen Sinnen auf und versuchte jedes Bild, jeden Eindruck festzuhalten und in meinem Gedächtnis niederzuschreiben. Die gelben Bäume, Joe, die Sonne, die Wege voll Laub, die Wegstrecke an sich, einfach alles. Ich fragte ihn noch nach Details aus seinem Leben, nach seinen Gedanken und Erinnerungen. Viel mehr Gelegenheit sollte ich dazu auch nicht mehr bekommen. Und als ahnte ich das, nutzte ich jede Chance dazu.

Wir bogen um die letzten Kurven und ich fand endlich wieder Orientierung. Vor seiner Straße waren wir. Bald wieder zuhause. Und dann kam der Hausflur mit den Treppen. Er saß vermutlich 20 Minuten auf den ersten Stufen der Treppe, die ich ihn einfach nicht hochbekam. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, weil ich ihm auch nicht wirklich helfen durfte. Ich stand da nur und schaute ihn an und fragte mich, was ich jetzt tun solle und wie er bis ganz oben kommen solle, wenn wir noch nicht einmal die ersten Stufen schafften. Vollkommen entkräftet und mit Schmerzen durchtränkt hatte er sich mit dem Kopf auf den Knien zusammengekauert und schlief vielleicht sogar zwischendurch.

Dann schickte Gott einen Engel in Gestalt seines Nachbarn. Rüstig und sportlich, mit seinem Fahrrad. Und um die 70 Jahre alt, wie Joe schon fast entsetzt und schmerzhaft feststellte. „Der alte Mann ist fitter als ich. Schau mich an!“ „Ich weiß, Joe. Aber du darfst nicht vergessen, du bist krank! Was erwartest du? Das kann sich alles wieder ändern.“ Daran konnte er nicht wirklich glauben und ich auch schon fast nicht mehr.

Der rüstige Nachbar, für den ich ein Dankgebet gen Himmel schickte, erbarmte sich und hievte Joe mit einer Engelsgeduld, viel Kraft und Einfühlungsvermögen und dem Vertrauen Joes, der sich von ihm auch helfen ließ, bis in seine Wohnung. Unseres Dankes und Rückenschmerzen gewiss, die ihm trotz hervorragender Konstitution an sein eigenes Alter erinnerten, ergriff er anschließend sofort die Flucht, als ich seinem Gesicht seinen Vorsatz, nie wieder in so eine Situation zu geraten, entnehmen konnte. Daran änderte vermutlich auch das Blümchen nichts, das Joe und ich ihm und seiner Frau anschließend schenkten.

Oben angekommen, ruhte sich Joe erst einmal samt Straßenkleidung und Schuhen in seinem Sessel aus. Bis auf die Couch schaffte er es jetzt nicht mehr. Zwischendrin schlief er immer wieder ein. Er war völlig erschöpft. Und doch konnten wir uns irgendwann unser Gelächter nicht mehr verkneifen. Wir hatten es geschafft (mit Gottes Hilfe – und NUR so) und waren draußen gewesen. Das konnte uns nun niemand mehr nehmen. Auch wenn sich Joe anschließend in seinen Papierkorb erbrechen musste vor Erschöpfung. Ich half ihm, so gut ich konnte und irgendwann zog ich ihm dann auch die Schuhe wieder aus, brachte ihm seine Kleidung. Und irgendwie landete er irgendwann wieder auf seiner Couch. Auch wenn wir den Rollstuhl nur für dieses eine Mal gebrauchen konnten – es hatte sich rentiert. Gott sei Dank hatten wir uns diese Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen lassen. Er schlief lange, glaube ich. Und ich kaufte ein. Danke, danke, danke Gott. Für all das!

Abends war ich dann noch zu seiner Bank unterwegs, die ich erst einmal finden musste. Etwas säuerlich, weil ich total gestresst war und die Wegbeschreibung von Joe zu wünschen übrig ließ. Ich geriet langsam an meine Grenzen. Und das bekam auch er zu spüren, auch wenn ich mein Möglichstes versuchte. Es tut mir bis heute leid, dass ich das nicht ganz von ihm fernhalten konnte. Er konnte doch nichts dafür. Und er hatte so viele Sorgen auf seinen Schultern, von denen ich gar nichts erfuhr. Erst, als er gestorben war. Ich wünschte, ich hätte ihm besser helfen können. Ich wünschte, ich wäre hilfreicher gewesen, hätte seine Sachen ordnen können, ihm viel Kummer abnehmen. Wenn ich Manches gewusst hätte, hätte ich viel früher alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Vieles selbst in die Hand zu nehmen. Aber wieviel Selbstständigkeit gewährt man einem Todkranken? Und wieviel von all dem, was ich hätte tun wollen, hätte ich tatsächlich umsetzten können? Mit Hartz 4. Fünf Zugstunden entfernt. Mit einem Sachbearbeiter, der einem jeden Stein in den Weg legt, zu einer Zeit, in der ich alles, wirklich alles versucht habe, nach Oberhausen zu kommen. Es sollte nicht sein. Den Griff von Gottes Hand haben wir zu spüren bekommen. Er hat mich geschützt. Vor dem Danach. Und dem Zuviel.

KaleidoPhi
(13.11.2016)

 

 

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